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Rolf Famulla: Gedanken zu den zwölf Punkten

Es kommt nicht darauf an, die Welt neu zu interpretieren, sondern sie zu verändern: Wir brauchen eine neue, andere, demokratische Kultur.

1. "Kultur für Alle" und "breiter Kulturbegriff" - ist das "Kunst" oder kann das weg?

Was uns derzeit als "Hochkultur" und Kunst serviert wird, ist größtenteils "Elitenkultur", Kultur im Elfenbeinturm. Wir brauchen einen "breiten Kulturbegriff", der alle gesellschaftlichen Bereiche einbezieht, vor allem die Neuen Medien, das Fernsehen/Radio, Computerspiele, Comics oder Buchproduktionen. Weltbilder prägen die Kultur. Und umgekehrt: Kultur formt die Weltbilder. Neue Medien: Viele Menschen verbringen zehn Stunden am Tag mit den neuen, "sozialen" Medien: Es ist eine zweidimensionale Kommunikation. Der soziale Kontakt, die Solidarität kann verloren gehen. Der Neurologe Manfred Spitzer spricht von drohender "digitaler Verblödung". Im Fernsehen/Radio dominiert die Gewaltdarstellung - mit verheerenden Auswirkungen. Als Beispiel sei nur die gewaltige Zunahme der Kriminalität in den USA benannt. In den Computerspielen werden Kriege simuliert und einstudiert. Die Resultate erleben wir im Irak, in Syrien und ... Desgleichen in Comics und vielen Buchproduktionen. Ein "breiter Kulturbegriff" ist notwendig, um diese Medienkultur als prägend für die Weltbilder der Menschen zu begreifen - und um breite Strategien dagegen zu entwickeln. In den Massenmedien werden autoritäre Menschenbilder vermittelt. Das ist eine Grundlage für antidemokratische Bewegungen wie die AfD. Wir müssen die autoritären Menschenbilder als undemokratisch, als nicht vereinbar mit einer freien Gesellschaft darstellen.

2. Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik: machen wir das für alle oder machen wir das für "uns"?

Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik. Kultur und Kunst vermitteln Seh- und Denk-Weltbilder - auf der Ebene des Verstandes und der Emotionen. Rollenbilder werden mit der Kultur eingeübt. Jeder Deutsche lernt in der Schule Friedrich Schillers Glocke: Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben, muss streiten..., und drinnen waltet die züchtige Hausfrau... Spitzwegs armer Poet ist das bekannteste Gemälde in deutschen Landen. Gehorsame Untertanen werden in diesen Bildern geprägt - massenhaft verbreitet bis in unsere Tage. Demokratische Kultur muss dagegen halten. Wir machen das "für uns", müssen die Rollenprägungen in unserer Kulturarbeit offenlegen, müssen die Strukturen in Bildern, Filmen, in unserer Medien herausarbeiten und leisten so Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik.

3. Muss Kunst irgendwas müssen - ist Kunstfreiheit heute noch real?

Kunst war nie frei. Sie ist immer eingebunden in die gesellschaftlichen Zusammenhänge. In der Vergangenheit wurde die Kunst von den Herrschenden als Machtinstrument benutzt. Zum Beispiel Friedrich der Große, Josef Stalin oder Adolf Hitler konnten diktatorisch Kulturrichtlinien erlassen. Sie hatten alle Machtmittel dazu in der Hand und machten davon gewaltsam Gebrauch. Künstler mussten parieren. Weigerten sie sich, wurden sie auch physisch liquidiert. Die Herrschenden schätzten also Kunst und Kultur als sehr wirksame, bedeutende Machtmittel zur Beherrschung der Hirne der Menschen ein. In demokratisch organisierten Gesellschaften ist der Einfluss der herrschenden Ideologie auf die Hirne der Menschen, deren Verstand und Emotionen, komplizierter und oft nicht auf den ersten Blicken zu durchschauen. Die USA führten den Kalten Krieg nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem mit den Mitteln der Kultur. Natürlich setzten sie auch Gewehre und Bomben ein - das Mittel der ersten Wahl war aber der "Kongress für Kulturelle Freiheit". Die Bedeutung der Picassos und Magrittes (Künstler mit kommunistischer Mitgliedschaft) sollte zurückgedrängt oder marginalisiert werden, was ja auch gelungen ist. Mit dem "Kongress für Kulturelle Freiheit" übten sie Einfluss auf alle Museen Europas aus, mit über 50 internationalen Zeitschriften, Tausenden von Büchern, Filmen beeinflussten sie den Musik- und Literaturbetrieb. Wenig bekannt ist auch, dass die amerikanischen Militärstrategen 1955 beschlossen, Cowboyfilme für John Wayne, Ronald Reagan und viele andere zu finanzieren, um die Idee der "militanten Freiheit" - also Gewalt gegen Andersdenkende - zu propagieren. Kultur ist also ein sehr subtiles Mittel, deren ideologischer Hintergrund erst entschlüsselt werden muss. Deshalb ist es so wichtig, für die Künstler die Meinungsfreiheit zu fordern. Demokratie muss ihre Spielräume erstreiten und nach Möglichkeit erweitern. Das ist angesichts einer gewaltigen Medienmacht sehr schwierig aber notwendig.

4. Braucht Kultur überhaupt öffentliche Förderung?

Kultur wurde immer öffentlich gefördert. Leider ist die herrschende, kulturelle Ideologie immer die Ideologie der Herrschenden. Und die öffentliche Förderung kanalisiert eben diese herrschende, kulturelle Ideologie. Demokratische Kultur muss sich "von unten" entwickeln, als emotionales und mentales Bedürfnis derer, die ihre Freiräume in einer demokratischen Kultur und Gesellschaft erweitern möchten. Dafür öffentlich Förderung einzufordern, ist notwendig. Voraussetzung ist allerdings ein breites Bewusstsein für die Notwendigkeit einer demokratischen Kultur. Dieses fehlt leider oder ist unzureichend vorhanden - also fehlt die Basis dafür, öffentliche Förderung einzufordern. Druck "von unten" zu entwickeln ist unsere Aufgabe.

5. Muss Kunst sich rechnen und wenn ja für wen?

Sie rechnet sich ja: Jeff Koons oder Damien Hirst machen mit Mickey-Mouse-Imitationen oder eingelegten Tierkadavern Abermillionen Gewinne. Internationale Kunstmessen wie Art Basel oder Art Miami sind Tummelplätze für Supermächtige und Milliardäre. Und die Preise steigen in Schwindel erregende Höhen. Künstler hecheln zu diesen Kunstmessen und bieten ihre Konformität atmende Kunst als käufliche Ware an. Nur ist das die Perversion von Kultur und Kunst. Ein auf der Art Basel ausstellender Künstler sagte, er fühle sich dort als Hure im Rotlicht-Milieu. Diese Kunst der Supermächtigen und Milliardäre macht die Welt brutaler und hässlicher. Kunst "von unten" muss sich auch rechnen. Die Künstler müssen ja von ihrer Kunst leben können - es fehlen allerdings Ausstellungsmöglichkeit und die notwendige Öffentlichkeitsarbeit. Es fehlt auch die Sensibilität der demokratischen Öffentlichkeit für die Notwendigkeit einer verständlichen Kunst, die für Frieden, Menschlichkeit, Demokratie, Liebe, Verständnis und kulturellen Austausch wirbt. Ist es nicht unverständlich, das es im Karl Liebknecht-Haus, in den Räumen der Rosa Luxemburg-Stiftung oder in anderen Räumen der Linken keine ständig wechselnden Ausstellungen mit einem festen Programm gibt? Kunst und Kultur braucht vor allem Programmatik, klare Ziele - und auch die materiellen Voraussetzungen wie Ausstellungsräume, Publikationsmöglichkeiten, öffentliche Foren.

6. "Hochkultur" oder "freie Szene" ist das noch die Frage?

Das ist eine entscheidende Frage. Die Frage hat zwei unterscheidbare Aspekte. Erstens: Der Kultur der Supermächtigen und Milliardäre als die propagierte "Hochkultur" gilt es die Kultur "von unten" entgegenzusetzen. Dazu ist eine breite Auseinandersetzung mit der Kultur der Supermächtigen und Milliardäre notwendig. Das geschieht bisher nur in Ansätzen. Kunstkritik ist nur gering entwickelt und hat bisher in der Linken kein Organ und eine zu geringe Basis. Wer kritisiert zum Beispiel die völkische Ausrichtung der Kunst von Joseph Beuys? Wer wendet sich gegen Künstler wie Anselm Kiefer oder Jonathan Meese, die in der Öffentlichkeit faschistische Symbole (zum Beispiel mit dem Hitlergruß) propagieren? Die "freie Szene", die Gegenkonzepte ausarbeitet und in der Öffentlichkeit präsentiert, ist noch viel zu schwach.

Der zweite Aspekt betrifft die Deutungshoheit über die "Hochkultur". Der Begriff der Hochkultur wurde in absolutistisch-feudalistischen Zeiten ausformuliert. In dessen Definition wurden neben kulturellen Werten wie Malerei, Plastik oder Schrift auch Werte der Herrschaft wie Staat, Bürokratie oder Militär aufgenommen. Als erste Hochkulturen gelten danach die brutalen Militärstaaten in Altägypten und Alt-Mesopotamien. Der patriarchalisch regierte Militärstaat gilt als Ideal der Hochkultur. Dass in der prähistorischen Zeit, also vor der Zeit in Altägypten und Alt-Mesopotamien, alle wichtigen kulturbildenden Erfindungen wie Domestikation der Tiere, die Zucht der Pflanzen, die Metallurgie und vieles andere, wie zum Beispiel die Herausbildung der Schrift oder geordnetes Leben in großen Städten, offenbar in matrilinear geordneten Gesellschaften erfolgte, wird mit dem bisherigen Gebrauch des Wortes "Hochkultur" ausgeblendet. Hier hat unsere Kulturarbeit noch große Aufgaben. Andere Gesellschaften als die patriarchale sind möglich und wurden in der Menschheitsgeschichte schon praktiziert. Die Abrechnung und Aufarbeitung unserer Kultur, die noch immer stark von absolutistisch-feudalen Mustern und Denkweisen geprägt ist, steht erst am Anfang. Der Geniekult. Die Hochkultur.

7. Der Kulturföderalismus ist tot - es lebe die Gemeinschaftsaufgabe mit dem Bund?

Diese Frage impliziert obrigkeitsstaatliches Denken. Kunst müsse "von oben" finanziert und aufgepfropft werden. Demokratische Kunst muss sich aber "von unten" entwickeln. Das ist unsere Aufgabe, dafür müssen wir uns (leider auch mit unseren geringen Mitteln) engagieren. Wenn der Druck von unten stark genug ist, können wir dafür auch Mittel auf kommunaler, auf Länder- und Bundesebene einfordern. Aber jetzt sind wir mit unseren Mitteln gefordert.

8. Einwanderungsgesellschaft - Kultur der Vielen oder viele Kulturen?

Ganz eindeutig: Kultur der Vielen. Wir brauchen eine neue, andere, demokratische Kultur.

Wir brauchen eine offene Kultur. Wir müssen daran arbeiten, viele Kulturen zu integrieren. Unsere eigene eurozentristische Kultur gehört auf den Prüfstand. Die abstrakte, moderne Kunst, die Hollywoodfilme, die vielen Gewaltfilme gelten als Exportartikel in alle Welt. Welche Inhalte transportieren sie? Das Erbe des Kolonialismus, der die meisten Kulturen in aller Welt knechtete, lastet noch immer schwer auf unserer Kultur. Unsere Kritik ist gefordert. Diese Aufgabe, eine neue, andere, demokratische Kultur zu schaffen, darf uns allerdings nicht daran hindern, andere Kulturen, die auch stark von absolutistisch-feudalen Mustern und Denkweisen geprägt sind, zu kritisieren. Überzeugungsarbeit muss geleistet werden.

9. Zugang zur Kunst und Kultur für alle - und das umsonst?

Ganz eindeutig: Zugang zur Kunst und Kultur für alle. Aber umsonst ist nur der Tod. Und der kostet bekanntlich das Leben. Kunst hat einen hohen Stellenwert, einen Wert - und der drückt sich auch in Geld aus. Jetzt müssen wir allerdings bereit sein, erst einmal "vorzufinanzieren", Angebote für Kunst und Kultur für alle zu unterbreiten. Es ist schließlich unser Anliegen, eine demokratische Gesellschaft zu gestalten - und da ist Kunst und Kultur für alle der zentrale Bestandteil.

10. Digitalisierung der Kultur, bringt's uns was?

Ein dickes Pro für die Digitalisierung. Ich möchte auf Wikimedia oder andere Angebote nicht verzichten. Die Digitalisierung bietet mannigfache Möglichkeiten für die Demokratisierung. Allerdings ist sie ein zweischneidiges Schwert. Sie bietet ebenso mannigfache Möglichkeiten zur Manipulation. Auf diese großen Gefahren für unsere Demokratie müssen wir ständig hinweisen. Wir müssen sie in unserer Kulturarbeit anschaulich herausstellen. Google, Facebook und Co. sind nicht nur Möglichkeiten der neuen, demokratischen Kommunikation, sie können auch die größten Kriegstreiber darstellen. Sie sind schon jetzt die größten Auftragnehmer des Pentagon.

11. Gibt es eine Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?

Die Frage ist polarisiert gestellt. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist kein Garant für demokratische Ausrichtung der Medienarbeit. Auch hier muss der demokratische Druck "von unten" organisiert werden. Analysen ergeben, dass der Unterhaltungswert in dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer mehr zunimmt, der Informationswert oder Sendungen mit demokratisch-politischem Inhalt immer mehr abnehmen. Eine kritische Analyse der Aussagen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk muss vorgenommen werden. Die Zuschauer werden mit Gewaltdarstellungen in Krimis und Cowboyfilmen überflutet.

12. Europäische Union - Wertegemeinschaft oder Binnenmarkt?

Machen wir die Europäische Union zu einer Wertegemeinschaft und zu einem Binnenmarkt, der sich mit vielen Ländern dieser Erde vernetzt und Frieden schafft.

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