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Simone Barrientos: Kultur ist nicht alles, aber alles ist eine Frage von Kultur

Ein Beitrag zur Diskussion über linke Kulturpolitik

1. "Kultur für Alle" und "breiter Kulturbegriff" - ist das "Kunst" oder kann das weg?

Was Kunst ist, hat Kulturpolitik nicht zu entscheiden. Sie ist zuständig für Bedingungen, in denen sich Kultur und Kunst entfalten können. Wer aber macht Kultur, wer produziert Kunst? Kultur-Arbeiterinnen und Kultur-Arbeiter! Die zu stärken, ist Aufgabe der Kulturpolitik, Bedingungen zu schaffen also, die Kultur und Kunst in all ihrer Vielfalt befördern.

2. Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik: Machen wir das für alle oder machen wir das für "uns"?

Mein Motto: Kultur ist nicht alles, aber alles ist eine Frage von Kultur. Wer die Gesellschaft verändern will, muss Kultur befördern. Vielfalt und Freiheit im kulturellen Raum schützt uns vor geistiger Enge, vor eindimensionalem Denken und autoritären Strukturen. Deshalb brenne ich für eine Kulturpolitik, die eine aufgeklärte, pluralistische Gesellschaft stärkt - für mich, meine Genossinnen und Genossen und die Gesellschaft.

3. Muss Kunst irgendwas müssen - ist Kunstfreiheit heute noch real?

Kunst muss nix, sie darf alles, sofern es sich im rechtlichen Rahmen bewegt.

Die Frage nach der Kunstfreiheit lässt sich nicht so leicht beantworten. Kann Kunst im Kapitalismus frei sein? Als LINKE setzen wir uns für Rahmenbedingungen im herrschenden System ein, in denen Künstlerinnen und Künstler ohne Angst vor finanziellem Notstand arbeiten können, denn nur so kann es heute eine freie, marktunabhängige Kunst geben. Kurz gesagt: Es ist die Aufgabe von Politik, die Freiheit der Kultur zu gewähren und Künstlerinnen und Künstler Freiheiten einzuräumen.

Mit Blick auf das Erstarken der Rechten stellt sich mir die Frage, ob Kunst in Europa noch frei ist? Schauen wir zu unserem Nachbarland Polen. Seit die PIS in Polen wieder an der Macht ist, greift die Regierung die Kulturszene an. Künstlerinnen und Künstler sowie Kultureinrichtungen werden Gelder und Stellen gekürzt. Die Regierung scheint genau zu wissen, welche Kunst und Kultur sie für die "Richtige" hält. Die polnische Kulturszene wehrt sich gegen diese repressive Kulturpolitik. Auch die AfD in Deutschland hat genaue Vorstellungen davon, wie "deutsche Kunst" auszusehen hat, national und patriotisch. In den vergangenen Jahren berichten Künstlerinnen und Künstler sowie Kultureinrichtungen auch hier im Land vermehrt davon, dass sie durch rechte Gruppen und Personen bedroht werden. Sie erhalten Drohbriefe, kulturelle Veranstaltungen und Darbietungen werden gestört. Die AfD stellt kleine Anfragen in denen sie die staatliche Finanzierung von Soziokulturellen Zentren und Kulturinstitutionen hinterfragt und indirekt Einfluss auf die Programmgestaltung der Kultureinrichtungen nehmen will. All das sind Versuche, politisch Einfluss auf die Kultur zu nehmen und sie zu beschränken. Ich kämpfe dafür, dass Kunst und Kultur frei bleiben.

4. Braucht Kultur überhaupt öffentliche Förderung?

Unter kapitalistischen Bedingungen? Leider ja. Denn was dem Markt nicht dient, geht sonst unter.

5. Muss Kunst sich rechnen und wenn ja für wen?

Sie muss nicht, aber sie tut es. Der gesellschaftliche Nutzen wiegt mehr, als der finanzielle.

6. "Hochkultur" oder "Freie Szene" ist das noch die Frage?

Realpolitisch ja, Kulturförderung geht meist in großen Teilen an Orte der "Hochkultur" und Leuchtturmprojekte. Die Freie Szene ist schlecht ausfinanziert, hangelt sich von Projektantrag zu Projektantrag. Mir ist es ein Anliegen, Kultur ganzheitlich zu denken. Dafür brauche ich keine künstliche Trennung zwischen Freier Szene und Hochkultur.

7. Der Kulturföderalismus ist tot - es lebe die Gemeinschaftsaufgabe mit dem Bund?

Statt eines Kooperations-Verbotes wäre es Zeit für ein Kooperations-Gebot. Eines, das dazu führt, dass Bund und Länder beide in der Verantwortung sind und das die Möglichkeiten der Länder steigert, ohne den Einfluss des Bundes zu groß werden zu lassen. Deshalb: Kultur als Staatsziel ins Grundgesetz!

8. Einwanderungsgesellschaft - Kultur der Vielen oder viele Kulturen?

Beides bitte sehr. Viele Kulturen und eine Kultur der Vielen!

9. Zugang zur Kunst und Kultur für alle - und das umsonst?

Selbstverständlich Zugang für alle. Denn, kostenlos ist nicht umsonst ;-)

Wenn es um Zugang zu Kunst und Kultur geht, wird mir oft zu schnell ausschließlich über finanzielle Hürden, wie Eintrittspreise, gesprochen. Das verdeckt die vielen weiteren Aspekte, die Menschen von Kultur abhalten. Kulturelle Räume müssen zugänglicher sein, Menschen müssen auch ihre eigenen Perspektiven und Hintergründe wieder finden (Stichwort Diversität) und wir brauche eine zugängliche Kulturvermittlung und Kulturbildung.

10. Digitalisierung der Kultur, bringt's uns was?

Aber ja doch. Mehr Reichweite, mehr Austausch, mehr Dialog. Also: mehr Kultur in der Gesellschaft.

11. Gibt es eine Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?

Es wird eine geben müssen! Als eine Plattform, mit vielfältigem Programm, der Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern in den Gremien und einem höheren aber auch sozialeren Rundfunkbeitrag. Der Rundfunkbeitrag darf Menschen ohne Einkommen, Geringverdienende, Rentnerinnen und Rentner oder Studierende nicht zusätzlich belasten.

12. Europäische Union - Wertegemeinschaft oder Binnenmarkt?

Im Moment leider vor allem Binnenmarkt. Wertegemeinschaft? Wir brauchen eine progressive Wertegemeinschaft, eine die von Humanismus getragen wird. Davon entfernt sich Europa immer mehr.

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